Brief an Frau Dr. Eisenmann

Sehr geehrte Frau Dr. Eisenmann,
sehr geehrte Damen und Herren,
bei vielen von Ihnen hatte ich in den letzten 4 Jahren die Ehre, Sie persönlich kennenzulernen, bei denjenigen von Ihnen, wo dies zu meinem Bedauern nicht der Fall war, möchte ich mich kurz vorstellen:
Ich heiße Jannick Henzler, 25 Jahre alt, seit 8 Jahren aktiver Downhiller in Stuttgart und in besagten 4 Jahren fester Bestandteil der AG zum Projekt der Streckenlegalisierung in der Dornhalde.

Sowohl als Sprachrohr für die Community der Radler, als auch als Berichterstatter dieser nach den etlichen Rathaus- und Ausschusssitzungen lag es in dem Aufgabenbereich von meinen Kollegen und mir, die Wogen zwischen den ungeduldigen Radlern und der Stadtverwaltung zu glätten, wenn wir wieder einmal über eine Bauverzögerung aus welchen Gründen auch immer informiert wurden. Als sehr geduldige Person und solche, die (fast) alle Hintergründe zum Projekt erfahren durfte, habe ich der Community desöfteren den Glauben genommen, man unterliege der Projektrealisierung einer „Hinhaltemethode“ bis es in Stuttgart keine Biker mehr gebe und habe sie eines besseren belehrt, erklärt, beruhigt, … ich habe mich aus eigenen Reihen gar als naiven Wichtigtuer dafür bezeichnen lassen, um mich vor dieses Projekt zu stellen.Leider muss ich aber gestehen, dass sich auch meine Geduld nach dieser überraschenden Nachricht inklusive takt- und gefühllos formulierter Pressenotiz nun langsam dem Ende neigt und ich deswegen hier ein paar klare Worte loswerden möchte. Ich würde mir wünschen, dass Sie sich diese zu Herzen nehmen würden und wäre Ihnen gleichzeitig sehr dankbar, wenn Sie die Konsequenzen, die ein Baustopp der Downhillstrecke mit sich ziehen würde (die ich Ihnen aber hier gerne auch nennen möchte) überdenken und in Folge dessen alles daran setzen, diesen in Kürze abzuwenden.

Zunächst möchte ich Ihnen schildern, wie eine solch erschütternde Nachricht bei engagierten Leuten wie mir ankommt:

1. Biker sind Naturliebhaber. Wäre dies nicht so, wären wir alles Hallensportler. Heißt, auch uns liegt sehr viel daran, dass der Eingriff in die Natur beim Bau so klein wie möglich gehalten wird und dass (bedrohte) Tierarten darunter nicht zu leiden haben, eine brütende Spechtart insbesondere. Jedoch drängt sich bei uns der dringende Verdacht auf, dass es nicht um den Specht als solchen geht, sondern, dass der Specht lediglich das derzeit wirksamste Mittel ist, um einen Baubeginn weiter zu verzögern. Denn, sind wir ehrlich: Wenn es nicht der Specht im Frühjahr ist, dann ist es nach dem Spätsommer der Igel auf der Suche nach einem neuen Quartier (sollte nur als Beispiel dienen). Ich bin mir sicher, gewährt man solch einem Einwand Zuspruch, findet dieses Mittel nach dem Spätsommer erneut und immer wieder Anwendung.
Hier zählt hinzu, dass man dieses Mittel jetzt, genau 4 Tage vor einem, erstmals exakt terminierten Baubeginn wählt. Ich persönlich halte es regelrecht für eine Farce, dass man diesen Vogel jetzt beim Brüten „entdeckt“ hat und darauf reagiert. Der Stuttgarter Forst ist bekannt für seine Spechtdichte und wenn sich ein Ornithologe in diesem Gebiet mit diesen Arten befasst, ist es unmöglich, dass er vor 4 Tagen das erste Mal von einem Baubeginn einer Downhillstrecke im Frühjahr durch dessen Brutgebiet hört, zumal es ja nicht das erste Frühjahr ist, in dem man eine Downhillstrecke realisieren möchte.

2. Letzteres bringt mich zu meinem 2. Punkt: Das Amt für Umweltschutz muss von solchen Plänen wissen! Entsprechenden Personen lag ein Antrag auf eine Landschaftsschutzrechtliche Befreiung vor, nachdem diese vorlag und alle Auflagen für eine endgültige Unterschrift erfüllt wurden, war allen Beteiligten klar, dass ein Baubeginn absehbar wird. Wir wurden von einem teuren Gutachten zum andern vertröstet, waren gefühlte hundert Mal mit entsprechenden Gremien in Kontakt, wie kann es also sein, dass so etwas einfach übergangen wird, der Specht nie Erwähnung fand und jetzt auf einmal in der Lage ist, ein (wenn man die Vorarbeitszeit vor 2011 mitrechnet) über 10 Jahre lang geplantes Projekt von jetzt auf nachher zu stoppen? Sind die Leitungen zwischen den Behörden so lang, dass man dort nicht zu einem Konsens kommt, gar dass man nicht an einem Strang ziehen kann und gegeneinander ankämpft? Ich dachte eigentlich, man sei sich der Sache einig, dass die Legalisierung einzig und allein Vorteile hervorbringe. Ohne, dieses als Vorwurf zu formulieren, aber: Wirkt das nicht bei allen, die das Projekt verfolgen beschämend? In einer Community wie Freiburg oder Herrenberg wurden Projekte wie diese erst letztens in Kürze umgesetzt. Wollen die Bürger wirklich in dem Glauben gelassen werden, man könne sich in einer Stadt wie Stuttgart nicht der unendlichen Bürokratie widersetzen, zu Gunsten eines Projektes, das vom Volk gewollt und von der Stadt einstimmig genehmigt wurde?

3. Als vor ca. 6 Jahren Forstfahrzeuge auf besagter Strecke im Wald wüteten und den Weg von 1 Meter Breite auf teilweise 4m verbreiterten, hat scheinbar niemand Rücksicht auf die Spechtbrut genommen.
Sämtliche Beteiligten zum Projekt waren sich einig, dass eine Kanalisierung der Downhiller im Stuttgarter Wald unabdingbar und dringend notwendig für diesen wäre, warum erscheint also ein solcher Eingriff nun als weniger wichtig, wie das „Aufsammeln von Totholz“. Auch dies möchte ich nicht als Vorwurf gegenüber einzelnen Personen betrachten, aber ich fühle mich hier schlichtweg als Radfahrer in Stuttgart respektlos behandelt. Immer und überall möchte man etwas für die Radfahrer in Stuttgart tun, in Cannstatt baut man Straßen rück, damit zwei Radfahrer pro Woche auf Radwegen nach Fellbach fahren können, warum aber nicht an dieser Stelle, wo es bekanntlich angenommen würde? Man fühlt sich in Stuttgart als Radfahrer definitiv nicht mehr für voll genommen, gar diskriminiert, jegliche Bemühungen, dem Radfahrer hier ein verlässlicher Partner zu sein, sind hoffnungslos.

Mein 4. Punkt bringt mich gleichzeitig zu den Konsequenzen: Eine solche Nachricht führt zur Entrüstung Aller. Es ist (wenn sicherlich auch nicht gewollt) das Signal, dass 4 Jahre harter Einsatz scheinbar unbezahlt bleiben. Es sind die Beispiele, die Jugendliche untätig bleiben lassen und wenn sie sich überhaupt von der Couch aufraffen können, dann bauen sie illegal im Wald, denn legale Wege führen frühstens nach vielen Jahren und einer Menge Schweiß und Herzblut für die Sache zum Erfolg. Oder auch nicht, wie es hier der Fall zu sein scheint. Ist es das, was man den jungen Menschen von heute vermitteln möchte?

Ich durfte heute einer Facebookcommunity von inzwischen weit mehr als 800 reinen Downhillern aus dem Umkreis und noch viel mehr Lesern unserer Homepage diese Nachricht verkünden, bevor sie es selbst der Presse entnehmen konnten. Sie alle rechneten mit einem Baubeginn in diesem Monat. Die Entrüstung in Form von Kommentaren wage ich hier gar nicht zu zitieren, aber unabhängig Ihrer Vorstellung, wie diese ausgesehen haben kann, kann ich Ihnen versprechen, dass eine derartige Behandlung von Seitens der Biker nicht akzeptiert werden wird.
Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Ich spreche hier keineswegs eine Drohung oder dergleichen aus, ich vermag es nur, die Konsequenzen aus dieser Nachricht ein wenig absehen zu können und befürchte daher, dass man sich speziell auf Seiten des Nabu mit einer solchen Botschaft heftig ins eigene Fleisch schneiden wird.
Wie bereits erwähnt, ist es das vermeintliche Signal, dass man in Stuttgart illegal weiterhin besser fährt, als legal. Das gute Wetter lockt bereits jetzt wieder etliche Biker zum illegalen Fahren, nicht zuletzt zeigen das die kürzlich durchgeführten Zählungen. Meinen Informationen zufolge waren darin weit mehr als 100 Biker an einem Tag aufgeführt. Es bedarf noch nicht einmal der Ankündigungen, die bereits gemacht wurden, dass man sich in Anbetracht dieser Zahlen, vor allem aber der Nachricht zum Baustopp und Einstampfung bis nach der Bikesaison, auf alle Fälle eigene Attraktionen in Form von neuen Strecken schaffen will. Die illegale Bebauung wird sich dabei nicht nur auf die zu legalisierende Strecke konzentrieren, sondern auf das gesamte Stuttgarter Waldgebiet. Da dem Großteil der Leute Landschaftsschutzgebiete oder dergleichen einfach nicht bewusst sind, befürchte ich hier eine Gefährdung noch ganz anderer Tier- und Pflanzenarten rund um den Specht. Die Schäden resultierend daraus wären weitaus größer.
Ob man sich beim Naturschutzbund dieser Konsequenzen bewusst war, wage ich zu bezweifeln.

Ich muss Ihnen leider ganz ehrlich sagen, dass ich mich inzwischen auch nicht mehr in der Aufgabe sehe, Konsequenzen wie diese und weitere mit all meinen/unseren Möglichkeiten zu unterbinden, wie wir es bisher bei Verzögerungen getan haben. Ich bin selbst erschüttert über diese neuen Erkenntnisse und kann daher Reaktionen wie diese voll und ganz nachvollziehen. Ich werde nach wie vor alles tun, um mich vor dieses Projekt zu stellen und Kompromissbereitschaft bei der Szene hervorzurufen, aber nach 4 Jahren geduldvoller Aufopferung sehe ich mich und uns hier an den Grenzen unserer Möglichkeiten.
Stattdessen sehe ich es in unserem Aufgabenbereich, unsere Arbeit, die wir alle in dieses Projekt gesteckt haben, nicht einfach so aufzugeben. Ich erwarte, dass Seitens vom Sportamt alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden, diese Entscheidung rückgängig machen zu können. Nachdem sämtliche Auflagen der unteren Naturschutzbehörde restlos erfüllt wurden, die Naturschutzrechtliche Befreiung also wirksam wurde, bin ich mir auch ohne juristischen Background fast sicher, dass man die offizielle Auftragsvergabe an den Streckenbauer auch nicht auf so einfachem Wege unwirksam machen kann. Und selbst wenn, beziehe ich mich auf Punkt 2, dass man allgemein erwartet, dass höhere Instanzen diesem „Streit“ beilegen können, ohne, dass man sich hinter der Bürokratie versteckt.
Der Presse, die dieses Thema mit Sicherheit aufgreifen wird, werden wir Rede und Antwort stehen und auch weitere Möglichkeiten, mit denen wir von unserer Seite aus dieser Sache Nachdruck verleihen können, behalten wir uns vor. Auch wir von der Ag sind nun an einem Punkt angelangt, an dem wir nicht länger gewillt sind, uns derart herhalten zu lassen und mit einer solch untröstlichen Pressenotitz abspeisen zu lassen.

Ich hoffe, dass ich Sie hiermit ein wenig darauf vorbereiten konnte, dass die Downhillszene nicht bereit ist, die Entscheidung so hinzunehmen, dass über die Ereignisse nochmals ausgiebig diskutiert wird, aber nicht zuletzt auch ganz besonders, dass sich nach der zur Kenntnisnahme meiner Verärgerung in diesem Blatt niemand persönlich angegriffen fühlt. Wir schätzen nach wie vor die gute Zusammenarbeit, speziell mit dem Sportamt und die Dankbarkeit hierfür soll auch trotz dieser Zeilen der Verärgerung nicht untergehen. Ich bin mir selbstverständlich dessen bewusst, dass einigen von Ihnen hier auch die Hände gebunden sind, bin mir aber sicher, dass dieses Blatt dennoch in die richtigen Hände gelangen wird, bzw. weitergereicht werden kann. Wir wünschen uns weiterhin informiert zu werden und sind sehr gespannt, wie man diesem Streit in den nächsten Tagen beilegen möchte. Wo auch immer wir unseren Teil dazu beitragen können, freuen wir uns jederzeit über eine Einladung.
Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für mein Anliegen genommen haben,
mit freundlichen Grüßen

Jannick Henzler

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